War Jesus nach seinem Tod im Paradies?

„Der Verbrecher bat Jesus, ihn nicht zu vergessen, wenn er mit seinem Reich kommt. Das versprach ihm Jesus.“

Laut der Lutherbibel versichert Jesus in Lukas 23,42.43 dem neben ihm gekreuzigten Mann: „Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein." Dieser Textabschnitt wird häufig von Christen zitiert, die glauben, dass der Mensch eine unsterbliche Seele besitzt, obwohl dieser Begriff nicht ein einziges Mal in der Bibel erscheint. Gott hat allein Unsterblichkeit (1. Timotheus 6,16), und der Mensch erhält sie erst bei der Wiederkunft Jesu und der Auferstehung der Toten (1. Korinther 15,50-55). Bis dahin liegen die Verstorbenen im Grab, aus dem Jesus sie bei der Auferstehung rufen wird (Johannes 5,28+29; 1. Thessalonicher 4,13-18; Daniel 12,13).

Was ist aber nun mit der Aussage Jesu? Dass hier etwas nicht stimmen kann, wird durch Johannes 20,17 deutlich. In diesem Text sagt der auferstandene Jesus zu Maria: „Rühre mich nicht an, denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater." Demnach kann Jesus nach seinem Tod nicht im Paradies gewesen sein - und damit auch nicht der mit ihm gekreuzigte Mann.

Zur Klärung dieses Widerspruches muss Folgendes bedacht werden: Ursprünglich wurde der biblische Text ohne Zeichensetzung geschrieben. Diese Satzzeichen wurden erst 1490 n. Chr. durch den Schriftsetzer Aldus Manutius (ca. 1452-1515) aus Genua, in den griechischen Text eingefügt. Dabei ließ sich Manutius von seinem katholischen Verständnis bestimmen. In Lukas 23,43 führte seine Zeichensetzung zu einem Missverständnis, das bis in unsere Zeit nicht revidiert wurde, obwohl das manche Theologen gefordert haben.

Satzzeichen können den Sinn einer Aussage völlig verändern (Beispiel: „Der Lehrer sagt, der Schüler ist faul." - „Der Lehrer, sagt der Schüler, ist faul"). Lesen wir deshalb den Bibeltext einmal wörtlich übersetzt und ohne Zeichensetzung - so ähnlich, wie Lukas ihn geschrieben hat:

Amen dir sage ich heute mit mir wirst du sein in dem Paradies

Auch wenn die griechische Sprache nicht dem Deutschen entspricht, scheint eine Kommasetzung nach dem Wort Amen und nach heute richtig zu sein: „Amen, dir sage ich heute, mit mir wirst du sein im Paradies." Eine andere Zeichensetzung würde den oben erwähnten Aussagen der Bibel widersprechen.

Mit seiner Zusage machte Jesus die schwache Hoffnung des Mannes zur Gewissheit, denn dieser hatte ihn gebeten: „Herr denke an mich, wenn du mit (richtig übersetzt) deinem Reich kommst." Jesus versprach, ihn bei seinem zweiten Kommen mit ins Paradies zu nehmen. Deshalb konnte dieser Mann in Frieden sterben.

Natürlich würden wir es begrüßen, wenn wir nach unserem Sterben nicht ohne Bewusstsein im Grab liegen müssten (Prediger 9,5.6.10), sondern gleich in den Himmel auffahren könnten. Der Tod macht uns Angst, deshalb nennt Paulus ihn auch Feind (1. Korinther 15,26). Wenn wir Christus vertrauen, haben wir das ewige Leben, allerdings nur auf Hoffnung.

Wir können Jesus vertrauen, dass er uns nicht im Grab lässt, sondern von den Toten auferweckt, wenn er wiederkommt. Nur durch diesen Glauben können wir die Angst vor dem Tod überwinden. Gott will ja, dass wir leben, weil er uns liebt! Dieser Glaube gibt uns Mut und Zuversicht, auch wenn wir sterben müssen. Es ist eben nicht unsere letzte Stunde, denn wenn Jesus uns aus dem Todesschlaf auferweckt, liegt die Ewigkeit vor uns!