Warum gibt es so viele unterschiedliche Kirchen?

„Die religiöse Landschaft ist vielfältig geworden, weil Christen ihren Glauben oftmals nicht wirklich allein auf die Bibel gründen.“

Ursprünglich waren die christlichen Gemeinden selbstständig. Doch sie achteten darauf, dass sie in der Lehre übereinstimmten. Später schlossen sich die Gemeinden gebietsweise zusammen. An ihrer Spitze stand ein Bischof. Im Laufe der nächsten Jahrhunderte erhoben die Bischöfe der verschiedenen Gebiete den Anspruch, über den anderen Bischöfen zu stehen und jeder hatte dafür gute Argumente: In Alexandria, Nordafrika, war das theologische Zentrum, in Jerusalem „stand die Wiege" des Christentums, in Konstantinopel saß der römische Kaiser und in Rom waren Petrus und Paulus hingerichtet worden. Außerdem war Rom die eigentliche Hauptstadt des römischen Reiches.

Im Jahre 533 n. Chr. erklärte Kaiser Justinian den römischen Bischof zum „Haupt aller Kirchen", um den Streit zu beenden. Es ist anzunehmen, dass der Bischof von Konstantinopel ihm zu sehr in die Regierungsgeschäfte redete. Dieser aber gab sich mit der kaiserlichen Entscheidung nicht zufrieden. Nachdem der Islam das Christentum in Palästina und Nordafrika praktisch ausgelöscht hatte und das römische Reich zerfallen war, blieben nur noch Rom und Konstantinopel übrig. Nach einigen Streitereien trennten sich die beiden Bischöfe und jeder kümmerte sich um sein eigenes Gebiet. So entstanden die römisch-katholische Kirche und die orthodoxe katholische Kirche („orthodox" bedeutet, die alte, ursprüngliche Lehre bewahren).

Die erste Trennung in der Christenheit hatte also ihre Ursache in den Machtansprüchen der Kirchenführer.

Neben diesen beiden Kirchen hatten sich außerhalb des römischen Reiches andere Kirchen gebildet. Auch sie gehen auf die Urchristen zurück und sind in Europa in Vergessenheit geraten. Sie hielten außerdem nicht den Sonntag als Ruhetag (321 n. Chr. von Kaiser Konstantin als gesetzlicher Ruhetag im römischen Reich eingeführt), sondern feierten den Sabbat (Samstag), den Gott bei der Schöpfung eingesetzt und in den Zehn Geboten (1. Mose 2,2.3; 2. Mose 20,8-11) bestätigt hatte. Diese Kirchen waren die armenische Kirche, die Thomaschristen in Indien (bestehen heute noch), die Ebioniten in Palästina, die abessinische Kirche in Äthiopien (besteht noch heute) und die iroschottische Kirche in Irland und Schottland (sie schickten die ersten Missionare nach Deutschland und wurden später durch Bonifazius vertrieben).

Schon in den ersten Jahrhunderten veränderte sich das Christentum. So wurde beispielsweise die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele im 3. Jahrhundert n. Chr. von der Kirche aus der griechischen Philosophie übernommen und 1515 n. Chr. auf dem 5. Laterankonzil zur Glaubenslehre der katholischen Kirche erklärt.

Auch andere Traditionen entwickelten sich erst später: die Kindertaufe (3.-6. Jh), das Messopfer für die verstorbenen Seelen (7. Jh.), die Lehre vom Fegefeuer (6. Jh.), der Ablass für die Sünden (12. Jh.), Wallfahrten (4. Jh.), die Vorherrschaft des Papstes, die Heiligenverehrung (4. Jh.), Bilderverehrung (8. Jh.), das Beten zu Maria, Rosenkranz und Ave Maria (12. Jh.), der Glaube, dass sie zum Himmel aufgefahren (1950) und Miterlöserin sei (1954) und anderes mehr. Die katholische Kirche hält diese Veränderungen für richtig. Päpste und Konzilien seien durch den Heiligen Geist geleitet worden, als sie diese Lehren beschlossen hätten.

Nicht jeder glaubte das. Deshalb versuchten verschiedene Männer, die Kirche zu reformieren und wieder mit der Bibel in Übereinstimmung zu bringen (John Wickliff, Jan Hus, Ulrich Zwingli, Johannes Calvin, Martin Luther, usw.). Weil man nicht auf sie hörte, spalteten sie sich ab und gründeten ihre eigenen Kirchen. Aber auch die Reformatoren haben nicht alles erneuert (z. B. die Abschaffung der Kindertaufe und die Wiedereinführung der Taufe durch Untertauchen, bei der sich die Getauften bewusst für Jesus entscheiden). So entstanden wieder neue Kirchen und Gemeinschaften (Mennoniten, Baptisten, Siebten-Tags-Baptisten usw.).

Nicht alle Erneuerungsbewegungen haben wieder ganz zur Bibel zurückgefunden. Deshalb entstandenen weitere Kirchen, die meinten, sie würden die urchristlichen Lehren befolgen (die Christliche Wissenschaft, die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage – im Volksmund als Mormonen bekannt –, die Zeugen Jehovas, die Pfingstkirchen usw.). Doch viele haben dabei neue Sonderlehren entwickelt, von denen Paulus und Petrus noch nichts gewusst haben. Heute kommen noch die charismatischen Gemeinden hinzu, die eine Neubelebung der erstarrten christlichen Kirchen wollten und sich schließlich selbstständig gemacht haben. Die religiöse Landschaft ist also vielfältig geworden.

Die Frage lautet also nicht nur, ob man zwischen katholisch und evangelisch entscheiden soll. Das sind die beiden traditionellen Kirchen in Deutschland. Nach der Reformation wurde der Grundsatz eingeführt: „Wes die Herrschaft, des der Glaube." Deshalb musste das Volk die Konfession des Fürsten haben. Entweder man trat zum anderen Glauben über oder man musste Haus und Hof verlassen und auswandern. Aus diesem Grund ist wahrscheinlich der Gedanke aufgekommen, dass man nur evangelisch oder katholisch sein kann. Alles andere sei verdächtig. Erst seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts begann dieses Denken sich allmählich zu verändern.

Wenn man nun herausfinden will, welche Konfession am meisten mit der Bibel übereinstimmt, muss man die Bibel studieren und das Gelesene mit den Lehren der verschiedenen Kirchen vergleichen. Man kann z. B. im Neuen Testament die Berichte über Jesus lesen und dabei aufschreiben, was Jesus getan und gelehrt hat. Wenn man eine Kirche findet, die das Gleiche tut und lehrt, hat man wahrscheinlich die richtige gefunden.