Zeigt nicht das Gleichnis vom reichen Mann und dem armen Lazarus, dass der Mensch nach seinem Tod weiterlebt?

"Meistens steht die Bedeutung eines Gleichnisses am Ende einer Erzählung, hier in Vers 31: Wer nicht auf die Schreiber des Alten Testamentes hört, wird auch nicht zum Glauben finden oder sein Leben ändern, wenn ein Mensch von den Toten aufersteht. Mehr will Jesus nicht sagen."

In Lukas 16,19-31 greift Jesus eine damals bekannte Geschichte aus Ägypten auf und gibt ihr eine unerwartete Wendung. Ein armer Mann mit Namen Lazarus hofft jeden Tag, vom Überfluss eines Reichen seinen Hunger stillen zu können. Eines Tages stirbt er und wird von Engeln in Abrahams Schoß getragen. Auch der Reiche stirbt kurz darauf und wird von nun an mit Feuer gequält. Als er den armen Lazarus in Abrahams Schoß sieht, bittet er den Patriarchen, Lazarus solle ihm doch mit einigen Tropfen Wasser wenigstens die Zunge kühlen. Doch dies wird ihm verwehrt.

Wahrscheinlich endete hier ursprünglich die Erzählung. Ihre Moral liegt auf der Hand: Wer einem Armen nicht die geringste Barmherzigkeit erweist, kann auch nicht die kleinste Barmherzigkeit im Gericht erwarten.

Doch Jesus erzählt diese Geschichte weiter: Der Reiche bittet daraufhin, Lazarus solle dann wenigstens seine fünf Brüder warnen. Auch das lehnt Abraham ab. Wer nicht auf Mose und die Propheten höre, würde sich auch dann nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde.

Immer wieder versuchen Christen mit diesem Gleichnis zu beweisen, dass die Gläubigen sofort nach ihrem Tod in den Himmel kommen und die anderen in die Hölle. Wollte Jesus dies tatsächlich sagen, würde er sich selbst widersprechen. Nach seinen eigenen Aussagen liegen Gläubige und Gottlose bis zum Tag der Auferstehung im Grab. Dann erst erhalten die einen ewiges Leben, während die anderen ins Gericht kommen (Johannes 5,28.29; 14,2.3; Matthäus 25,31-46).

Außerdem soll ein Gleichnis nur eine Wahrheit verdeutlichen. Es darf nicht allegorisch, also Aussage für Aussage übertragen werden. Das würde bei vielen Gleichnissen auch zu seltsamen Interpretationen führen.

Meistens steht die Bedeutung des Gleichnisses am Ende einer Erzählung, hier in Vers 31: Wer nicht auf die Schreiber des Alten Testamentes hört, wird auch nicht zum Glauben finden oder sein Leben ändern, wenn ein Mensch von den Toten aufersteht. Mehr will Jesus nicht sagen.

Er wusste, dass sich dies kurze Zeit später bei der Auferweckung des Lazarus bestätigen würde. Das Wunder der Auferstehung überzeugte die Mitglieder des Hohen Rates nicht. Im Gegenteil, sie wollten nicht nur Jesus, sondern auch Lazarus töten und damit den lebenden Beweis für Jesu Vollmacht vernichten (Johannes 11,46-53; 12,9-11).

Wer nun das Gleichnis benutzt, um zu beweisen, dass der Mensch sofort nach seinem Sterben in den Himmel oder in die Hölle kommt, geht an seiner zentralen Aussage vorbei: Die Schreiber des Alten Testamentes sagen nämlich eindeutig, dass der Mensch bis zur Auferstehung am Ende der Tage schläft und weder denken, fühlen, wollen und hoffen, noch Einfluss auf die Welt nehmen kann (Daniel 12,13; Jesaja 57,1.2; Prediger 9,4.5.6.10). Wer diesen Aussagen der Bibel nicht glaubt, lässt sich wahrscheinlich auch nicht überzeugen, wenn König David auferstehen würde, um ihm zu sagen, dass er noch nicht in den Himmel aufgenommen worden ist, sondern immer noch im Grab ruht (Apostelgeschichte 2,29.34).